Musik als Skulptur – Buchbeitrag

Solitude_Bilder

Musik als Skulptur
von Dodo Schielein

in: „und fünf – und zehn“
Akademie Schloss Solitude, Jahrbuch 5, 2001
Edition Solitude, ISBN 3-929085-64-x

 

In welchem Sinn sprechen wir in der Musik von Material, Architektur und Raum?  Es gibt akustische Veränderungen und Bewegungen in der Zeit, die wir hören. Was hören wir? Ist Hören erinnern?  Was bleibt, vor allem wenn ein Musikstück zu Ende ist – sozusagen als Ganzes da steht?

Hätten wir nicht die Fähigkeit uns zu erinnern, könnten wir z.B. keine Musik hören – sie würde in ihre tonalen Einzelteile zerfallen und keinen Zusammenhang mehr bilden. Wir hätten vergessen, was kurz davor geschah.

Ein Moment könnte z.B. ein kleine musikalische Einheit bedeuten. Wann sprechen wir von Moment? Ist ein Moment die kleinste Einheit, z.B. Musik in ihren ersten Zusammenhängen wahrzunehmen? Können wir das Jetzt des Wahrnehmens, erst dann, in diesem Zusammenhang benennen oder erinnern? Ist diese Erinnerung erst durch eine Komprimierung oder Zusammenfassung in der Vorstellung möglich? Heißt Erinnerung Komprimierung?

Ich erinnere mich beim Musikhören nicht linear an jeden Ton. Wann kann man bei einem einzelnen Ton von Musik sprechen? Ich erinnere mich an musikalische Einheiten, Abschnitte und Momente, die vielleicht sogar neue Blöcke mit Sprüngen und Löchern bilden, im Unterschied zu der Kontinuität des notierten Stückes. Das Hören kann mir durch das Erinnern im Ablauf Strukturen eröffnen.

Durch Ton, Klang, Geräusch, Lautstärke, Rhythmus, Tempo, Zeit, Pausen, Stille etc., mit der die Musik zu tun hat, werden Musikstücke komponiert und in eine Form (als Komplex von Vorstellung und Idee) gesetzt. Worte bzw. Begriffe wie Material, Architektur und Raum beschreiben etwa den Umgang mit diesen Möglichkeiten und das, was durch das Erinnern möglicherweise passieren kann.

Wenn Erinnerung Komprimierung von Einheiten bedeutet, stellt sich die Frage: Was sind diese Einheiten? Ich nehme sie als Cluster wahr, die ich Skulptur nenne. Dieser Begriff umfaßt eine mehrdimensionale Form, in Bewegung, unscharf, in eigener Weise zusammengefaßt. Die Parameter dieser Skulptur setzen sich einerseits aus den Teilen des Musikstückes zusammen, und andererseits daraus, wie die jeweils eigene Erinnerung strukturiert ist.   Ich nenne die Einheiten Skulptur, weil ich diese Vorstellung im abstrakten Sinn verstehe, als eine Struktur der Erinnerung und nicht als ”Bild” einer Assoziation zu einer musikalischen Phrase.
Bin ich als Komponistin Bildhauerin? In diesem Zusammenhang gebe ich eine kurze Beschreibung meines Klavierstückes two to do: Mit Hilfe von zwei Hackbrettschlegeln, die ich zwischen die Saiten a und d1 klemme, präpariere ich das Klavier. Der Kopf des Schlegels liegt auf dem jeweiligen Dämpfer. Wenn ich diese zwei Töne spiele, beginnt die Präparierung sich zu verändern.  Es gibt zwei Bewegungen: 1. Durch den Anschlag der Tasten werden die Schlegel nach oben gestoßen und fallen dann, mit einem leichten Klopfgeräusch, von alleine wieder auf den Dämpfer. 2. Durch den Anschlag der Tasten geraten die Klaviersaiten in Schwingung. Diese Vibration veranlaßt die Schlegel, langsam aus ihrer Position zu wandern, weg vom Dämpfer, weiter ins Klavier, bis ihr Kopf auf den Saiten landet, dort Geräusche erzeugt werden und so der Ton verändert wird. Mit dem Pedal kann ich diese Bewegungen beeinflussen. Die Idee des Stückes ist, diese beiden Töne so lange abwechselnd zu spielen, bis die Schlegel, durch das Anschlagen und die vibrierenden Klaviersaiten, nicht mehr ihre Bewegung verändern, oder aus ihrer Präparierung herausspringen.  Es werden zwei Töne gespielt. Mitschwingende Saiten, Obertöne und Geräusche bilden einen mehrschichtigen, komplexen, noch unbestimmten Klangraum, der sich, je länger das Stück anhält, in Strukturen differenziert. Das Stück dauert ca. 10 min., die in der Erinnerung schwer zu fassen sind, weil es keine punktuellen Momente gibt. Es entsteht ein Cluster, der sich in der Zeit formt und so zu einer Skulptur wird.

siehe auch: two to do aus moving preparations