Katalog – kratzen, schaben, schubbern

Katalog zur Ausstellung im Saarländischen Künstlerhaus

18.01. – 11.03.2018
Eröffnung Mittwoch, 17. Januar 2018,  19.00 Uhr
Finissage und Konzert: Samstag, 10. März 2018, 19 Uhr

Unter dem Titel „kratzen, schaben, schubbern“ stellt die Hamburger Klangkünstlerin und Komponistin Dodo Schielein künstlerische Arbeiten aus, die das interaktive Handeln der Ausstellungsbesucher erfordern, um Klänge erzeugen und hören zu können.

Siehe auch: rascheln_2, body musicpaper music #3

Katalog Download (PDF 34 MB)
2018-02_Katalog_Schielein

 

Mit einführendem Katalogtext von Dr. Belinda Grace Gardner:
Kratzen, schaben, schubbern: Dodo Schieleins Klang-Spuren

Helle, unregelmäßige Blätter auf weißem Grund, die vor der Wandfläche fast zu schweben scheinen. Drei waagerechte Reihen aus je vier senkrechten Blättern formieren sich zum lichten, leichten, durchlässigen Quadrat. Wie Luftwurzeln einer Pflanze oder ein überirdisches Myzel tritt am unteren Rand des Ensembles ein Geflecht dünner Kabelstränge hervor, die sich in Bodenhöhe zweifach bündeln. Kopfhörer flankieren zu beiden Seiten die Bildgruppe und deuten darauf, dass visuelles und akustisches Erleben hier miteinander gekoppelt sind. Für die Erweiterung des Sichtbaren ins Hörbare sind die Betrachterinnen und Betrachter selbst zuständig. Sie nämlich sind aufgefordert, die Bilder nicht nur mit den Augen zu erkunden, sondern mit den Händen zu ertasten und so zum Klingen zu bringen. In der Wand­­­installation rascheln (2012/2015), die die Hamburger Klangkünstlerin und Komponistin Dodo Schielein in verschiedenen Variationen realisiert hat, ist das auditive Moment buchstäblich in die bildliche Gestaltung inkor­poriert. Schielein hat für die jüngste Fassung ihrer Arbeit rascheln die 12 Papierblätter, aus denen diese gefügt ist, selbst handgeschöpft und pro Blatt zwei kleine, hochsensible Piezo-Tonabnehmer »eingeschöpft«. Schon die zarteste Berührung erweckt die Bilder zu klanglichem Leben. Die organisch entstandenen Unregelmäßigkeiten der Blätter erzeugen je nach Streichrichtung, -festigkeit und -duktus sehr unterschiedliche Töne, die über die unsichtbaren Sensoren im Papier verstärkt und über Kopfhörer vermittelt als Live-Übertragung der Handgriffe des Publikums in Stereo zu vernehmen sind: ein sanftes Rascheln und Knistern, Kratzen und Ritzen, Schubbern und Schaben. Die fragilen papierenen Mem­branen – gewissermaßen Interfaces zwischen haptischer und optischer Rezeption – nehmen ihrerseits die Spuren jeder Berührung der Betrachtenden auf und dokumentieren gleichsam die »Instrumentalisierung« der Blätter als Klangkörper. Diese Manifestationen des direkten Engagements mit ihren filigranen Werken, das deren innewohnende Musikalität frei­setzt, ist für Schieleins künstlerisches Konzept von zentraler Bedeutung.

Verstofflichung von Musik

Die Künstlerin, deren Arbeiten auf ganz eigene, subtile Weise den ästhetischen Geist ihres Lehrers, des bedeutenden dänischen Fluxus-Pioniers Henning Christiansen (1932–2008) weiterführen, zielt zentral darauf, ihr jeweiliges künstlerisches Medium als einen potenziellen Tonträger greifbar und hörbar zu machen. Die Poesie des Alltäglichen im interaktiven Zusammenspiel zwischen Künstlern und Betrachtern aufzuschließen ist auch eine der Grundideen von Fluxus, jener Disziplinen übergreifenden Prozess-Kunst-Bewegung, die den Weg zum Ziel erklärte. Schieleins fragiles Material, oder besser gesagt: Instrument, das die Handbewegungen der Betrachterinnen und Betrachter in der Arbeit rascheln in diskrete Klänge übersetzt, folgt der ästhetischen Maxime der Künstlerin: »Man sieht, was man hört, und erkennt, dass in jedem Objekt, in jedem Gegenstand
Musik steckt.«

Ihre synästhetische Vorgehensweise, in dem eine »Verstofflichung« oder »Verkörperung der Musik« stattfindet, die das Publikum anhand ihrer Anweisungen im Zusammenwirken mit ihrer Kunst mitproduziert, ist auch ein entscheidender Aspekt ihrer Serie paper music (seit 2016): Zeitungspapierbögen, oder auch eigens angefertigte Partituren in Gestalt von Postkarten oder Plakaten, die Schielein mit Handlungsanleitungen zur konkreten Mitwirkung der potenziellen Musikmachenden und einem »X« als Branding versehen in den (Ausstellungs-)Raum stellt. Das Tempo, die Unterbrechungen, die konkreten Handhabungen, mittels derer das Papier zur Klangerzeugung verwendet werden kann, sind vorgegeben. Die Art und Weise, wie den Vorgaben Folge geleistet wird, sind wiederum Sache der Rezipienten, die aktiv Hörende, Zerstörende und Kreierende zugleich sind. Denn die Medien der Klangerzeugung, die für ein oder mehrere »Player« ausgewiesen sind, sollen explizit zerrissen werden: »tear the paper and listen« steht am Startpunkt des ersten Taktes, wenn man so will, von paper music #3 (2018). Bestehend aus einer Auflage von 3.000 mit grafischen Zeichen bedruckten DIN A2-Bögen in hellem Kanariengelb und einer Papiersorte, die Schielein spezifisch wegen deren klanglichen Eigenschaften ausgewählt hat, münden die musikalischen Charakteristika der Zeitlichkeit und Vergänglichkeit in einer skulpturalen Beweisführung: Die Papierbögen, die als Mittel der Klangproduktion fungieren, bleiben als  materielle Klang-Spur und Ergebnis des musikalischen Akts (dem Zerreißen der Bögen) erhalten.

In body music (2018) wird nun der Körper selbst zum Resonanzraum, der die besonderen stofflichen Beschaffenheiten eines Kleidungsstücks (eines mit entsprechenden applizierten textilen Elementen ausgestatteten T-Shirts, die nach einer Partitur der Künstlerin durch Handbewegungen des Trägers »aktiviert« werden) in Klänge übertragt. In Fortsetzung des musikalischen Genres der »Body Percussion« offenbart sich der Mensch in dieser Arbeit selbst als Instrument, dessen unerhörte Musikalität die Künstlerin leibhaftig wahrnehmbar werden lässt.